Ein Taler für das Brot

Hardy Krüger Jr. – Keine Angst vor deiner Meinung. Deine Stimme will gehört werden.

Werte, Weltbürgertum und die Frage nach unserer Zukunft

Ich möchte mit euch über die Frage sprechen, was uns als Gesellschaft trägt und wo wir heute noch etwas verändern können. Meine Antwort darauf ist nicht fertig. Sie beginnt mit einer Erinnerung an meinen Vater und führt zu Alice und mir und zu unserem Leben in Deutschland.

Ich war etwa zwölf Jahre alt, als wir in den achtziger Jahren eine Reise durch die DDR machten. Unser Visum erlaubte uns einen Aufenthalt von 36 Stunden. Für uns aus dem Westen war das eine ungewöhnliche Erfahrung. Mein Vater wollte, dass wir dieses Land mit eigenen Augen sahen. Wir fuhren nach Rostock und sollten am nächsten Tag mit einem alten Dreimaster nach Dänemark segeln.

In jener Nacht lag ich in meiner kleinen Kajüte, als mein Vater noch einmal hereinkam, um mir einen Gutenachtkuss zu geben. Oft erzählte er mir dann eine Geschichte: von starken, selbstbewussten Männern, von Helden. Manche von ihnen wurden auch meine Vorbilder. An diesem Abend, auf dem alten Holzschiff, erzählte er mir jedoch von etwas anderem. Er sprach von seiner Vorstellung eines Planeten, auf dem die Menschen eines Tages ihr Brot mit demselben Geld bezahlen könnten. Einer Welt, in der wir alle Weltbürger wären.

Ich verstand damals nicht, was er damit meinte. Ich hörte einen großen Gedanken, während ich in einem kleinen Bett lag. Ich las Bücher von Jules Verne und träumte mich in eine Welt, in der alles möglich schien. Für mich gab es in diesen Gedanken keine Mauern und keinen Ost-West-Konflikt. Heute denke ich oft an das Gespräch in der Kajüte zurück. Mein Vater sprach nicht bloß von einer Münze. Er stellte die Frage, wie wir Menschen auf derselben Erde miteinander leben und was wir einander zugestehen.

Im Lauf der Jahre musste ich begreifen, dass Grenzen nicht verschwinden, sobald man sie auf einer Karte nicht mehr sieht. Berlin, die Stadt, in der ich später lebte, kann in den Köpfen von Menschen noch immer geteilt sein. Auch zwischen Kulturen und Glaubensrichtungen entstehen Mauern, wenn jemand nur die eigene Überzeugung gelten lässt und anderen ihren Glauben abspricht. Solche Begegnungen haben meinen kindlichen Glauben an eine grenzenlose Welt erschüttert. Die Vorstellung meines Vaters geben sie für mich dennoch nicht auf: Gerade weil Zusammenleben schwierig sein kann, müssen wir darüber sprechen, unter welchen Bedingungen es gelingt.

In meiner Herkunftsfamilie wuchs ich mit dem Gefühl auf, Weltbürger zu sein. Mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und viele Menschen um uns herum sahen die Welt nicht als Sammlung fremder Orte. Wir lebten auf demselben Planeten wie alle anderen. Meine Kindheit führte mich nach Tansania und später nach Europa. Ich durfte Schulen besuchen, reisen und Menschen kennenlernen, deren Alltag ganz anders aussah als meiner. Das war ein Privileg. Es hat mir früh gezeigt, wie ungleich Chancen verteilt sind.

Ich begegnete verschiedenen Religionen, Überzeugungen und Lebensformen. Dabei wurde die Frage „Was ist richtig, was ist falsch?“ immer schwieriger und zugleich wichtiger. Was für mich selbstverständlich war, konnte einem Menschen anderswo wenig bedeuten. Und was ich kaum bemerkte, bestimmte vielleicht seinen ganzen Tag. Wer sich Weltbürger nennt, muss Unterschiede ernst nehmen und Widerspruch aushalten. Sonst bleibt das Wort bloß ein schöner Klang.

Nach meinem Umzug von Österreich nach Berlin kamen diese Gedanken mit neuer Kraft zurück. Deutschland hat mir viel gegeben. Hier durfte ich als Schauspieler arbeiten und eine Karriere aufbauen. Menschen haben meine Arbeit über Jahrzehnte begleitet. Wenn ich auf mein Berufsleben von den Achtzigerjahren bis heute zurückblicke, sehe ich nicht nur Filmsets und Reisen, sondern auch Begegnungen, gemeinsame Arbeit und eine Nähe zum Publikum, für die ich dankbar bin.

Als wir später unser Café Fräulein O in der Grünstraße hatten, begegneten wir jeden Tag Menschen mit ihren eigenen Geschichten. Viele Gäste blieben zu Gesprächen. In manchen davon war zu spüren, wie tief die Geschichte der geteilten Stadt noch in den Köpfen saß. Die Mauer war verschwunden; ihre Folgen waren nicht mit ihr verschwunden.

Für mich bekam dieser Ort noch eine andere Nähe zur Geschichte meiner Familie. Mein Vater war in Wedding geboren und unweit unseres Cafés, in Biesdorf, aufgewachsen. Ehemalige Schulkameraden kamen zu uns, brachten Fotos und Briefe mit. Auch Menschen, die ihn aus der Kriegszeit kannten, besuchten uns. Plötzlich lagen Erinnerungen auf den Tischen, die älter waren als ich. Was für mich lange eine Erzählung gewesen war, hatte Gesichter und Handschriften. Das hat mich tief bewegt.

Meine Familie nannte sich oft einen kleinen Wanderzirkus. Wir zogen von Ort zu Ort und nahmen unsere Geschichten mit. Das liegt mir im Blut und wird sich wohl nicht ändern. Darum bin ich auch heute auf Theatertournee unterwegs. Von Ort zu Ort zu ziehen, gehört zu meinem Leben.

Wenn ich heute „wir Krügers“ sage, meine ich Alice und mich. Wir sind die Krügers. 2017 begann für uns ein neues Kapitel, und ich lernte, meine Welt noch einmal neu zu sehen. Vieles, was mein Vater mir gezeigt, erzählt und beigebracht hatte, konnte ich seitdem anders einordnen und bewerten. Seine Gedanken begleiten mich, aber Alice und ich müssen unsere eigenen Antworten finden.

Mein Vater lehrte mich Fleiß, Ehrlichkeit und Bodenständigkeit. Er sagte mir, dass ich um Anerkennung kämpfen müsse. Meine Meinung solle ich verteidigen und zu ihr stehen. „Ohne Fleiß kein Preis“: Auch dieser Satz gehört zu meiner Kindheit. Was davon mich bis heute trägt und was ich inzwischen anders sehe, möchte ich nicht verschweigen.

Ich möchte den Spuren meines Vaters folgen und ihn nicht vergessen. Er hat seine Vorstellung von einer offenen Welt vielen Menschen erzählt, durch seine Arbeit und durch die Geschichten, die er weitergab. Als Kind hörte ich ihm zu, wenn er von Helden sprach. Für mich stand auch er für eine Zeit der Helden. Heute frage ich mich, was von diesen Erzählungen bleibt und wie ich seine Vision in meiner eigenen Zeit weitertragen kann.

Das Schreiben hat für mich eine eigene Macht. Es gibt mir den Mut, ehrlich hinzusehen, auch wenn mir im Gespräch die Worte fehlen. Erst auf dem Papier begreife ich manches, was ich im Leben nur gespürt habe. In „Das Licht der Erinnerung“ haben die Figuren die Kraft und den Mut, Dinge auszusprechen, die ich selbst so nicht sagen könnte. Die Worte, die ich dabei finde, sind meine Belohnung.

Ich wurde mit Werten erzogen, die heute scheinbar immer weniger zählen, obwohl sie eine Gesellschaft prägen. Ich habe den Eindruck, dass sich etwas verschoben hat und unserer Gesellschaft das Rückgrat fehlt. Wenn Menschen aus Angst wählen statt aus Überzeugung, geben sie am Ende womöglich ihre eigenen Wünsche aus der Hand. Und wenn jemand seine Meinung danach ausrichtet, wie viele Likes oder Follower sie bringt, hat das mit Haltung wenig zu tun. Likes und Follower sind keine Werte.

Seit den achtziger Jahren hat sich mein Berufsleben immer wieder verändert. Ich stand vor Fernsehkameras und auf Theaterbühnen, arbeitete als Fotograf, schrieb Bücher und betrieb mit Alice ein Café. Auch Reality TV gehört zu meinem Weg. Ich bin mit der Zeit gegangen und habe neue Möglichkeiten angenommen. Ich habe keine Angst vor neuen Herausforderungen oder davor, mich öffentlich zu zeigen. Ob vor der Kamera, auf der Bühne oder in einem neuen Format: Der Mensch dahinter bleibt. Mein Charakter und meine Werte verschwinden nicht, wenn sich die Form meiner Arbeit ändert.

Auch die Verantwortung für das, was ich tue und sage, ist geblieben. Doch ich habe das Gefühl, dass die Anerkennung für eine über Jahrzehnte gewachsene Arbeit schwindet. In Berlin nehme ich wahr, wie sich die Bedingungen in meiner Branche verändern. Wie wird künstlerische Arbeit heute bezahlt, und welche Sicherheit bleibt nach einem langen Berufsleben? Diese Fragen betreffen viele Menschen, die von ihrer Arbeit leben.

Doch es geht längst nicht allein um meinen Beruf. Ich gehe auf die sechzig zu. In dieser Lebensphase frage ich mich auch, wie wir in Deutschland wohnen, älter werden und füreinander sorgen können. Wie verlässlich sind das Gesundheitswesen und die soziale Absicherung? Welche Möglichkeiten haben Menschen nach einem langen Arbeitsleben? Und wie wirkt sich das, was politisch entschieden wird, auf den Alltag einer Familie aus? Ich möchte diese Fragen aus unserem Leben heraus stellen, ohne vorzugeben, dass unsere Erfahrungen für alle sprechen.

Ich liebe dieses Land. Eben darum lassen mich seine Entwicklung und die Fragen nach unserem Zusammenleben nicht los. Wir tragen Verantwortung füreinander, auch über unsere Grenzen hinaus. Wie wir dieser Verantwortung gerecht werden, möchte ich genauer verstehen.

Alice und ich fragen uns, welchen Weg wir künftig gemeinsam gehen wollen. Wir lassen offen, wohin er uns führt. Entscheidend ist für uns, ob wir dabei unsere Werte leben und mit unserer Arbeit etwas bewirken können.

Ich frage mich, wo ich mit meinem Namen, meiner Erfahrung und meiner Arbeit heute noch etwas bewegen kann. Hier in Deutschland erscheint mir das inzwischen kaum noch möglich. Vielleicht seht ihr Wege, die ich gerade nicht sehe.

Vielleicht beginnt eine Gemeinschaft von Weltbürgern genau dort: beim Zuhören, beim Prüfen der eigenen Gewissheiten und bei der Bereitschaft, über Grenzen hinweg füreinander Verantwortung zu übernehmen. Der Taler aus dem Satz meines Vaters liegt nicht in meiner Hand. Aber seine Frage begleitet mich bis heute.

Wo kann ich heute noch etwas bewegen und Dinge verändern?

Ich möchte mit euch ins Gespräch kommen. Welche Werte haben euch geprägt? Wo erlebt ihr, dass eure Überzeugung etwas bewirkt? Ich freue mich auf eure Erfahrungen und euren Widerspruch.

Zum Buch: Das Licht der Erinnerung beim Giger Verlag

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