Der Sohn – über die leisen Töne, die wir zu oft überhören

Plakat „Der Sohn“ mit Nadine Menz, Hardy Krüger, Quentin Lopes und Dorothea Schenck

Manche Geschichten unterhalten uns. Andere halten uns einen Spiegel vor.

Das Theaterstück „Der Sohn“ ist für mich kein Theaterabend im herkömmlichen Sinne. Es ist ein gesellschaftlich relevantes und wichtiges Stück. Eines, das uns zwingt, genauer hinzusehen – auf uns selbst, auf unsere Familien und auf die Menschen, die uns am nächsten sind.

Es erzählt davon, wie wir als Eltern, als Paare, als Mütter und Väter miteinander umgehen. Wie wir uns selbst verstehen – oder zu verstehen glauben. Und wie wir gerade in schwierigen Zeiten versagen können.

Nicht, weil wir resignieren.
Nicht, weil wir nicht lieben.
Sondern weil wir verzweifelt versuchen, alles richtig zu machen.

Dabei übersehen wir manchmal das Entscheidende: Wir lesen nicht mehr zwischen den Zeilen. Wir schauen einander nicht mehr tief genug in die Augen. Wir hören die leisen Töne nicht mehr, weil das Leben um uns herum zu laut geworden ist.

Doch gerade in diesen leisen Tönen verbirgt sich oft die Wahrheit.

Nichts ist selbstverständlich

Eigentlich sollte innerhalb unserer Gesellschaft nichts selbstverständlich sein. Kein gemeinsamer Morgen. Kein Gespräch. Keine Umarmung. Kein Mensch, der an unserer Seite bleibt.

Wir sollten dem Leben mit mehr Demut begegnen. Achtsamer mit uns selbst sein – und mit den Menschen, die uns anvertraut sind. Denn manchmal ist ein Mensch längst aus dem Gleichgewicht geraten, während seine Umgebung noch glaubt, alles sei in Ordnung.

Für mich ist „Der Sohn“ deshalb auch ein Bild für den Zustand unserer Welt.

Was in diesem Stück im Kleinen, im Innersten einer Familie geschieht, ist längst auch im Großen sichtbar geworden. Wir leben in einer Zeit, in der vieles seinen Halt verloren hat. Wir reden ununterbrochen miteinander und hören uns doch kaum noch zu. Wir sind miteinander verbunden und gleichzeitig erschreckend oft allein.

Wir müssen nur genau hinsehen.

Wegsehen ist keine Option. Denn vielleicht hat uns gerade dieses Wegsehen zu dem gemacht, was wir heute vielerorts sind: eine Gesellschaft, die aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Warum ich Pierre spiele

Was mich bewegt hat, die Rolle des Pierre anzunehmen, war der Wunsch, etwas sichtbar zu machen, das mich seit vielen Jahren begleitet und das ich bereits in meinen Büchern auf unterschiedliche Weise verarbeitet habe.

Das geschriebene Wort ist für mich eine Möglichkeit, Erlebtes zu betrachten, zu ordnen und manchmal auch zu heilen. Eine Rolle auf der Bühne eröffnet mir noch einmal eine andere Perspektive. Ich leihe einer Figur meinen Körper, meine Stimme und meine Erinnerungen – und sehe dadurch vielleicht etwas, das mir zuvor verborgen geblieben ist.

Ich nehme jede Möglichkeit an, das Geschehene neu zu reflektieren. Nicht, weil sich die Vergangenheit verändern ließe. Sondern weil ich besser verstehen möchte, was in meinem Leben geschehen ist – und was davon bis heute in mir weiterlebt.

Als ich „Der Sohn“ zum ersten Mal las, musste ich das Manuskript immer wieder zur Seite legen. Die Geschichte kam meinem eigenen Leben sehr nahe. Zu nahe vielleicht. Ich fragte mich, ob ich diese Rolle überhaupt spielen kann.

Aber womöglich sind es gerade jene Rollen, vor denen wir zunächst zurückschrecken, denen wir uns stellen müssen.

Worum geht es in „Der Sohn“?

Im Mittelpunkt steht Nicolas, ein Jugendlicher, der sich nach der Trennung seiner Eltern immer weiter zurückzieht. Er geht nicht mehr zur Schule, verliert den Halt und findet kaum Worte für das, was in ihm geschieht.

Seine Mutter Anne ist erschöpft und hilflos. Sein Vater Pierre nimmt Nicolas bei sich auf und versucht, ihm das zu geben, was er selbst bei seinem eigenen Vater vermisst hat. Er will helfen. Er will verstehen. Er will alles richtig machen.

Doch Liebe allein schützt uns nicht davor, die falschen Entscheidungen zu treffen.

Pierre sucht nach Lösungen, wo sein Sohn zunächst jemanden bräuchte, der seine Not wirklich erkennt. Er glaubt an Vernunft, an Verantwortung und daran, dass sich das Leben wieder ordnen lässt. Dabei begreift er zu spät, wie tief Nicolas bereits in seiner eigenen Dunkelheit gefangen ist.

Das Stück stammt von dem französischen Schriftsteller und Dramatiker Florian Zeller und gehört zu seiner Trilogie über Familie und psychische Gesundheit. Zeller brachte den Stoff 2022 selbst ins Kino. Gemeinsam mit Christopher Hampton schrieb er das Drehbuch, führte Regie und war an der Produktion beteiligt. In den Hauptrollen spielten Hugh Jackman, Laura Dern, Vanessa Kirby, Zen McGrath und Anthony Hopkins.

Doch so groß die Namen und so international die Geschichte auch sein mögen: Ihr eigentlicher Schauplatz liegt in jedem von uns.

„Der Sohn“ stellt keine einfachen Antworten bereit. Das Stück fragt vielmehr: Wie gut kennen wir die Menschen, die wir lieben? Sehen wir sie wirklich – oder sehen wir nur das Bild, das wir uns von ihnen gemacht haben?

Liebe endet nicht mit dem Tod

Wir stehen im Leben immer wieder Situationen gegenüber, die wir nicht verstehen. Ereignissen, die alles verändern und unser Leben in ein Davor und ein Danach teilen.

Auch ich kenne diesen Moment.

Der Verlust meines Sohnes Paul Luca gehört zu den tiefsten Einschnitten meines Lebens. Solche Wunden schließen sich nicht. Man lernt, mit ihnen zu leben. Die Trauer wird zu einer Narbe. Sie schmerzt nicht an jedem Tag, aber sie erinnert uns daran, wie tief wir geliebt haben.

Ich glaube nicht, dass man über den Tod eines Kindes hinwegkommt. Aber ich glaube daran, dass Liebe größer sein kann als Schmerz. Mit den Jahren lernt man wieder zu lachen. Man erlaubt sich, wieder glücklich zu sein.

Denn Liebe endet nicht mit dem Tod. Sie verändert ihre Form. Sie lebt in unseren Erinnerungen weiter, in unseren Entscheidungen und manchmal auch in einer Figur, der wir für einen Abend unsere Stimme geben.

Über diese Erfahrung und darüber, warum „Der Sohn“ meinem eigenen Leben so nahekommt, habe ich auch im Gespräch mit BUNTE gesprochen.

Hinsehen. Zuhören. Bleiben.

Vielleicht kann Theater die Welt nicht verändern. Aber es kann einen Raum schaffen, in dem wir für einen Moment still werden. Einen Raum, in dem wir wieder zuhören, hinsehen und fühlen.

Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort: nicht mit großen Antworten, sondern mit der Bereitschaft, die leisen Töne wieder wahrzunehmen.

„Der Sohn“ ist eine Geschichte über einen Jugendlichen in Not. Über Eltern, die lieben und dennoch an ihre Grenzen geraten. Über Schuld, Hilflosigkeit und die Frage, ob wir einen geliebten Menschen wirklich retten können.

Vor allem aber ist es eine Aufforderung:

Schaut einander an.
Hört einander zu.
Nehmt nichts als selbstverständlich hin.
Und wenn ein Mensch verstummt, wartet nicht darauf, dass er wieder laut wird.

Ab Oktober 2026 gehen wir mit „Der Sohn“ auf Tournee. Ich lade Sie ein, diese Geschichte mit uns zu erleben – nicht als Zuschauer aus sicherer Entfernung, sondern als Teil eines Abends, der Fragen stellt, die uns alle angehen.

Informationen zur Tournee und zu den Aufführungen

Einblicke in die Proben, Begegnungen hinter der Bühne und Gedanken zu meiner Arbeit als Pierre teile ich auf Instagram.

Vielleicht sehen wir uns im Theater.

Ihr
Hardy Krüger